Neueröffnung der Traditionskneipe „Jaspesch“ in Mürringen
Mürringen
Am kommenden Sonntag begeht Mürringen einen denkwürdigen Tag. Die Gaststätte Jost Schmitz in der Nähe der Kirche, seit Generationen Zentrum des Vereins- und Kirmestreibens wird unter dem traditionellen Hausnamen „Jaspesch“ neu eröffnet. Nach umfangreichen Umbauarbeiten kann die rührige V.o.G „Alte Schule“ zusammen mit den Dorfvereinen stolz auf ein gelungenes Projekt zurückblicken und auf seine Zukunft anstoßen.
Von Alfons Velz
Zeichen eines lebendigen Dorfes
Wo Leute zusammen wohnen, da ist eine Siedlung, ein Wohngebiet. Wo Schule, Kirche und Saal noch mit Leben gefüllt sind, da wird aus einer Siedlung ein Dorf.
Gemäß dieser Definition kann man Mürringen getrost noch als Dorf bezeichnen. Um die zwanzig Vereine und Clubs beleben dort die Szene und eifern jedes Jahr am Kirmesmontag beim „Spiel ohne Grenzen“ vor dem Haus „Jaspesch“ um die ersten Plätze.
Dass - allen spöttischen Bemerkungen von auswärts zum Trotz - die Zeit auch nicht an Mürringen vorbei gegangen ist, belegen allerdings nicht nur die rückläufigen kirchlichen Eheschließungen, sondern beispielsweise auch die hohe Zahl der Email-Nutzer und die Erfolge von Dart-Club oder Tiger-Lillies.
Das bedeutet wiederum aber auch nicht, dass die traditionellen Clubs und Vereine weniger aktiv und erfolgreich wären, im Gegenteil: nicht zuletzt die harmonische Zusammenarbeit der Vereine in den letzten Jahrzehnten hat das Leben im Dorfkern ständig neu belebt und für eine gute Lebensqualität in Mürringen mit gesorgt. Diese spiegelt sich beispielsweise in einer regen Bautätigkeit und in einer steigenden Bevölkerungszahl wider. Mürringen ist im Zuge einer Generation von 450 auf mehr als 600 Einwohner gewachsen, auch die Zahl der Häuser ist im gleichen Zeitraum von 120 auf mehr als 200 gestiegen.
Dorfgemeinschaft braucht Treffpunkte
Wer weiß besser, was für ein Dorf wichtig ist als ein typischer Vereinsmeier ? Jedenfalls haben die Mürringer Vereine richtig gehandelt, als sich vor etlichen Jahren abzeichnete, dass die über Generationen hinweg durch die Familie Jost-Schmitz geführte Wirtschaft mit Dorfsaal wohl auf die Dauer mangels vom Wirtsleben begeistertem Nachfolger würde schließen müssen. Nur über einen langfristigen Mietvertrag mit dem Eigentümer und mit viel ehrenamtlichem Engagement schienen Saal und Wirtschaft noch eine Zukunft zu haben. Da traf es sich gut, dass sich die angestammten Mürringer Vereine (Musikverein, Gesangvereine, Spielmannszug, Theaterverein, KG, Landfrauen, diverse Kegelclubs usw) bereits einige Jahre vorher 8zu einer V.o.G zwecks Verwaltung des Vereinslokales zusammengeschlossen hatten. Kurzerhand wurden Saal und Wirtschaft Jost-Schmitz in die Aufgabenbereiche der V.o.G mit einbezogen.
Seit diesem Zeitpunkt haben die Mitglieder dieser V.o.G und der ihr angeschlossenen Vereine unendlich viele Überlegungen angestellt und Tausende freiwillige Arbeitsstunden in Saal und Wirtschaft eingebracht. Vor allem das jüngste Projekt, die völlige Neugestaltung der alten Wirtschaft, erwies sich als sehr planungs- und arbeitsintensiv: Entkernung und Räumung des gesamten Erdgeschosses des Hauses Jost-Schmitz, Einziehen von Beton- und Eisenträgern, Austausch aller Türen und Fenster, Dämmung und Neuaufbau von Fußboden, Wänden und Decken, Verlegung einer völlig neuen Elektroinstallation und einer neuen Heizungsanlage, völlige Neugestaltung des Sanitärbereiches, kurz und gut: unter der Wohnung des Besitzers Edmund Jost wurde sozusagen ein völlig neues Untergeschoss „eingeschoben“ - ein Gewaltakt, der Anerkennung und Lob verdient.
Die Vertreter der V.o.G „alte Schule“ blicken daher zu Recht stolz, zugleich aber auch erleichtert auf ein Projekt zurück dessen Ausmaße sie vorher (zum Glück) nicht genau ahnten. Umso mehr freuen sie sich über den großen Zuspruch aus dem Dorf. Vorfinanziert wird das Projekt nämlich mit Geldern von den Dorfvereinen und über eine Privatanleihe bei den Dorfbewohnern. Besonders dankbar sind die Verantwortlichen aber den vielen ehrenamtlichen Helfern, welche das Projekt nach Feierabend und an den Samstagen durchgezogen haben und den vielen freiwilligen Frauen, welche die Handwerker bestens verköstigt haben.
Zünftige Einweihung
Am kommenden Sonntag, dem 31. August 2008, ist es dann endlich so weit. Die neuen Räumlichkeiten werden feierlich eingeweiht. Dieser wichtige Tag für das Dorf Mürringen wird mit einem bunten Rahmenprogramm gefeiert. Schon am Vormittag nach der Hl Messe werden die Räumlichkeiten durch Herrn Pastor Pint eingesegnet. Dann darf wieder wie früher an gewohnter Stelle Skat geklopft und an der Theke „geklönt“ werden.
Die Küche zu Hase darf ruhig kalt bleiben, denn für leckere Gerichte zur Mittagszeit ist bestens gesorgt und nachmittags spielt Hubert Simons zum „Tanz wie in alten Zeiten“ auf. Für den der's mag, gibt es Kaffee und Kuchen zwischen Auftritten der Dorfvereine, Kinderanimationen, einer Fotomontage und Musik und Tanz. Das ganze Dorf feiert die Neueröffnung der Traditionswirtschaft mit dem urigen und griffigen Namen „Jaspesch“ Im Volksmund hat sie immer so geheißen, auch wenn während der letzten fünfzig Jahre auf dem offiziellen Schild „Café Jost-Schmitz“ gestanden hat. Ab jetzt heißt es auch auf dem Aushängeschild „Jaspesch“
„Jaspesch“ im Wandel der Zeiten
Was für Auswärtige ein wenig fremd klingen mag, ist für die Mürringer ein Begriff seit Menschengedenken. Generationen von Mürringern sind zu allen Anlässen dort eingekehrt: Grüne, silberne oder goldene Hochzeiten, Fastnacht, Kirmes, Geburtstage, Vereinsfeste, Theaterabende, Beerdigungen ... immer trafen sich die Menschen in der Dorfmitte, in „Jaspesch“.
Den Namen hat das Haus nachweislich von der Familie Jaspers (vermutlich abgeleitet von einem Kaspar o.ä.), deren Tochter Anna Katharina Jaspers 1747 einen Nikolaus Pothen aus Udenbreth heiratete, wodurch der Familienname „Jaspers“ in Mürringen erlosch. Seither ist die Gastwirtschaft unter den Namen Schneider, Pothen, Girten und Jost durch den Wandel der Zeiten gegangen, immer aber innerhalb der Familie an die nächste Generation weitergereicht worden und auch immer unter dem Hausnamen „Jaspesch“. Somit ist das Haus „Jaspesch“ als echtes Mürringer Urgestein zu betrachten und eng in der Dorfgeschichte verwurzelt. Ein Grund mehr, das Haus und den Namen an die zukünftige Generation weiter zu reichen.
„Privat“ war unbekannt in Jaspesch
Christel Greimers-Jost, historisch interessierte Tochter des Hauses und in Hünningen wohnhaft, hat über die lange Geschichte des Hauses nicht nur im Buch „Mürringen, zwischen Ledescht und Tiefenbach“ geschrieben, sondern weiß aus eigener Lebenserfahrung einiges aus dem Nähkästchen zu berichten: „Zeitweise hat unser Haus ein Geschäft beherbergt. Die Wohnung des Geschäftsehepaars Rauw- Eichten bestand aus einem Zimmer auf der ersten Etage. Das heißt, wenn die Türglocke ging, musste einer der Verkäufer die Treppe runter, durch die Haustüre raus, in die Geschäftstüre rein und konnte dann erst den Kunden begrüßen...
Ein Teil der jetzigen Wirtschaft, die frühere „Stube“mit der Doppeltür zum Saal, ist nicht von Anfang an offen gewesen. Denn die Stube war das Schlafzimmer des Ehepaares Barthel und Magdalena Jost-Girten. Dort sind auch drei ihrer Kinder, also mein Onkel und zwei Tanten geboren worden.
Unsere Küche (jetzt ebenfalls ins Café einbezogen) hatte bis 1971 sechs Türen. Das gesamte Wirtschaftsleben unter der Woche fand in der Küche statt. Die „Alten“ mögen sich noch an die berühmt, berüchtigte „Brandkest“ neben dem Herd erinnern.
Toiletten direkt bei der Wirtschaft gibt es erst seit Beginn der 1960er Jahre. Vor dieser Zeit musste jeder, wenn er musste, durch unsere Küche oder Stube, dann durch den Saal, und dort zur Toilette gehen. „Privat“ war unbekannt bei uns in Jaspesch „
Anscheinend ist das den Bewohnern des Traditionshauses nicht schlecht bekommen, wurde doch Christels Großvater Barthel Jost weit über 90 Jahre alt mit Waldarbeit, Wirtschaft, Landwirtschaft und Skatspielen. Barthels Sohn Joseph, der mit seiner Frau Maria das Café durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts weiterführte, tut es seinem Vater gleich. Er wird im nächsten Jahr im Bütgenbacher Altenheim seine 90 Jahre feiern. Dabei ist er immer noch eifriger und kritischer Zeitungsleser.
Das Haus „Jaspesch“ steht seit 1993 auf den Namen von Edmund Jost, der sich zwar nicht selbst zum Wirt berufen fühlt, dafür aber die Bemühungen der V.o.G tatkräftig unterstützt und sie hie und da mit einem verschmitzten Lächeln oder einem coolen Spruch begleitet.
Bleibt nur noch, dem Haus auch für die Zukunft Glück und Segen zu wünschen, dass es nicht nur als wertvolles kulturelles Erbstück aus vergangenen Zeiten stehen möge sondern für die jungen Menschen auch als Zeichen erfolgreichen gemeinschaftlichen Schaffens.